Mittwoch, 10. februar 2010 3 10 /02 /2010 00:01


buerger 

Die FDP wurde vom Wahlergebnis über 14% auf einen Umfragewert von derzeit 8% eingestuft. Klar, dass diese Erkenntnis die FDP-Oberen wenige Monate vor der wichtigen NRW-Wahl nervös macht. Daher traf man sich am Sonntag zu einer Krisensitzung. Das Ergebnis: Weitermachen, das aber mit erhöhtem Tempo.

 

So etwas nennt man Tunnelblick. Nicht nach links und rechts schauen, sondern mit Vollgas dem Irrlicht entgegen. Dabei hätte der Blick weg von den eigenen Umfragewerten auf Zahlen einer ganz anderen Umfrage eine Hilfe sein können.

 

Dieser Umfrage zufolge finden 71% aller Deutschen, dass die Ungerechtigkeit im Lande zugenommen habe. 60% aller Befragten halten die Verteilung des Vermögens für nicht gerecht.

 

Diese Umfrage war offensichtlich nicht Gegenstand der Krisensitzung. Tunnelblick eben.

 

 


Kommentar hinzufügen - Kommentare ()
Dienstag, 9. februar 2010 2 09 /02 /2010 00:01


buergerDer Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig (SPD) fordert zwischen dem Bund und den Städten bzw. Kreisen direkte Rechtsbeziehungen unter Auslassung der Länderebene. Diese Forderung begründet er mit der derzeitigen schweren Finanzkrise: "Aus Sicht der Kommunen erschwert das Dazwischenschalten der Länder immer nur unsere Rechtsposition und belastet unsere Haushalte." Albig weiter: "Es gibt eine überflüssige Ebene in Deutschland - die Länder."

 

Diese Ebene ist nicht nur wegen der Finanzkrise überflüssig, sondern generell, möchte ich gerne ergänzen. Das Schulwesen gehört in die Verantwortung eines Bundeskultusministers und die Polizei in die Verantwortung des Bundesinnenministers. Alle Ministerpräsidenten und ihre Kabinette, alle Landtagsabgeordneten und ihre Zuarbeiter dürfen sich eine andere verdienstvolle Aufgabe suchen, vielleicht hier und dort in den Städten und Landkreisen. Die teuren Länder-Domizile in der Hauptstadt und im Ausland finden eine andere Verwendung.

 

Die Selbstständigkeit der Kommunen gehört gestärkt, durch klare Aufgabenzuordnung, sichere Haushalte durch grundgesetzlich garantierte Beteiligung am Gesamtsteueraufkommen sowie durch Sitze im Bundesrat, der nun den Bürgermeistern und Landräten der Städte und Kreise Sitz und Stimme ermöglicht. So wird aus dem Bund der Länder ein Bund der Städte und Landkreise.

 

Diese Idee ist jedoch nicht durchführbar, obwohl fast alle Politiker einen schlanken Staat wünschen. So schlank soll er aber wiederum auch nicht sein, werden die zahlreichen Landespolitiker einwenden. Und die Bürger? Werden ihnen die Landtagswahlen wirklich fehlen? Aber die regionale Mentalität? Wer hindert Städte und Kreise an überregionaler Zusammenarbeit? Endlich gäbe es wieder Nord- und Ostfriesen, Rheinländer, Westfalen, Badener, Oberbayern, Unterfranken und mehr. Oder war bislang ein Schleswigholsteiner, Mecklenburgvorpommer, Rheinlandpfälzer, Sachsenanhaltiner oder Nordrheinwestfale besser dran?


Kommentar hinzufügen - Kommentare (1)
Montag, 8. februar 2010 1 08 /02 /2010 00:01


buergerDass England eine Steuer auf Gehalts-Boni von Investmentbankern einnimmt, kann entsprechenden Pressemitteilungen zufolge für das Jahr 2009 der britischen Staatskasse Steuer-Einnahmen von 2,3 Milliarden Euro bescheren. Diese Summe kommt zustande, weil im Durchschnitt jeder Investmentbanker mit 25 000 Pfund belastet wird. Am Finanzplatz London arbeiten etwa 75 000 Menschen dieser Berufsgruppe, wobei der Begriff "arbeiten" sich nicht auf den Investmentbanker selbst bezieht, sondern auf sein Geld. Bislang kann man nicht feststellen, dass diese Banker wegen des Standortnachteils London nach Frankfurt ausgewichen sind.

 

Von England lernen, heißt siegen lernen, jedenfalls was das Schlachtfeld Finanzplatz anbetrifft. Schließlich kann die Bundesregierung nicht darauf vertrauen, dass jeden Monat eine Daten-CD aus der Schweiz angeboten wird.


Kommentar hinzufügen - Kommentare ()
Samstag, 6. februar 2010 6 06 /02 /2010 00:10
100207

Foto Ulrike Kirsch

- Kommentare ()
Samstag, 6. februar 2010 6 06 /02 /2010 00:09


bp.jpg Das Fachgeschäft durch die sich leicht öffnende Tür betretend verwandelt er sich augenblicklich in einen Kunden. Etwas vorsichtig sieht er sich um, prüft den Raum und die Regale, die nach seiner Vermutung die Artikel vorhalten, die, wenn überhaupt, eines Ankaufs würdig sind.

Der späte Nachmittag sorgt für ein milchiges, warmes Licht in den Gängen zwischen den Schränken. Er, der einzige Kunde in dieser Zeit, geht unschlüssig auf eine Regalwand zu, um ein erstes Angebot in Augenschein zu nehmen mit der Gewissheit, einen Kauf noch eine lange Zeit hinauszuschieben oder gar nicht erst in Erwägung zu ziehen.

Von weitem die Unsicherheit des Kunden erahnend nähert sich nun ein junger Mann in grauem Anzug, mit weißem Hemd und silbriggrau gesprenkeltem Binder, behende und dennoch fast unauffällig. Der Anbieter hält den sich in der abendländischen Zivilisation entwickelten Abstand zum Kunden deutlich ein und fragt schließlich nach einem kaum merkbaren Räuspern: "Kann ich Ihnen behilflich sein?"

Der Kunde hätte gerne noch ein wenig ohne Anrede durch den Anbieter den einen oder anderen Artikel geprüft, will andererseits aus Höflichkeit aber auch dessen Freundlichkeit nicht bestrafen und entschließt sich daher zur unverbindlichen Mitteilung: "Ich interessiere mich für Navigationsgeräte."

Die Bekundung eines bloßen Interesses, so hofft der Kunde, würde ihn nicht in die Verlegenheit bringen, nur mit einem erstandenen Gerät das Fachgeschäft verlassen zu dürfen. Ein Interesse verpflichtet zu nichts. Außerdem muss der Anbieter sich nun ein wenig anstrengen, um aus dem Kunden einen Käufer zu machen.

"Wir haben hier eine Reihe von guten Geräten. Ich bin sicher, es ist etwas für Sie dabei." Er wendet sich nach links und macht einige Schritte, die dem Kunden signalisieren, ihm, dem Anbieter, augenblicklich zu folgen. Als sie das Regal mit den Navigationsgeräten erreichen, nimmt der Anbieter ein Gerät in die Hand, hält es dem Kunden vor das Gesicht und, das Nacheinander der Wörter immer dichter packend, sprudelt er Versatzstücke aus hinsichtlich der Zieleingabe durch Sensortasten, der Sprachein- und -ausgabe, der automatischen Abblendung des Displays, des Updates von Daten, der Gewährleistung und Garantie und einiges mehr.

Während der Anbieter seine Rede schließlich mit immer neuen technischen Begriffen anreichert, um dem Kunden zu verstehen zu geben, dass er nicht nur ein einfacher Anbieter, sondern ein außergewöhnlicher Anbieter sei, der mit besonderen Fachkenntnissen auf dem Spezialgebiet aller Navigationsgeräte und mit den neuesten Entwicklungen in diesem Bereich höchst vertraut sei, fällt der Blick des Kunden auf ein kleines flaches Gerät in einem anthrazitfarbenen Gehäuse, das weder ein Tastenfeld noch ein Display besitzt. Das Einzige, was aus dem einfachen Gerät kaum wahrnehmbar herausragt, sind zwei Plastiklaschen, die jeweils mit einem kleinen Loch versehen sind. Seitlich befindet sich ein schmaler Schlitz, der mit einem Deckel geschützt ist. Das Gerät ist nicht größer als eine Brieftasche, aber schmaler.
 

"Was ist das?" fragt der Kunde.

Der Anbieter ist unmerklich verärgert darüber, dass der Kunde offensichtlich seiner Rede nicht weiter folgen will und sich für ganz andere Dinge zu interessieren scheint, antwortet schließlich im Bemühen, seine Sprache möglichst beiläufig klingen zu lassen: "Das ist ein Vermeider!"

"Ein Vermeider?"

"Ja, ein Vermeider. Ein Vermeider ist ein Quasi-Navigationsgerät, eine ganz neue Entwicklung, noch im Beta-Stadium. Wir haben hier nur ein Exemplar. Beim Verkauf dieses Gerätes sind wir verpflichtet, unsere Kunden darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Gerät handelt, das noch in der Erprobungsphase ist."

"Wie funktioniert so ein... Vermeider?"

"Nun, am besten kann man es erklären, wenn man es mit einem Navigationsgerät vergleicht. Bei einem Navi geben Sie ein Ziel ein und das Navi führt sie mit Kartenanzeige oder Sprachausgabe zum gewünschten Ziel. Viele Kunden fühlen sich durch ein Navi allerdings oft auch allzu sehr bevormundet. Manche mögen es nicht, sich von einem Navi herumkommandieren zu lassen.

Es gibt Kunden, die zwar ein Navi haben, es aber meistens ausgeschaltet lassen. Es soll sogar Kunden geben, die immer genau das Gegenteil von dem machen, was ihnen das Navi vorgibt. Für diese Kunden ist der Vermeider entwickelt worden."

"Ich verstehe nicht."

"Nun, bei einem Vermeider können Sie kein Ziel eingeben. Es gibt auch keine Sprachausgabe oder Ähnliches."
 

Der Anbieter nimmt den Vermeider in die Hand und deutet auf die Plastiklaschen.

"Hier sind zwei Laschen mit jeweils einem Loch. Das ermöglicht Ihnen, den Vermeider an einer modischen Kette zu befestigen, um den Hals zu legen und auf der Brust zu tragen. Wenn Sie nun eine ungünstige Richtung nehmen, meldet sich der Vermeider mit einem leichten Vibrieren. So können Sie eine bessere Richtung einschlagen."

"Aber dieses... dieser Vermeider weiß doch nicht, wohin ich will."

"Ja, dadurch unterscheidet er sich von einem Navi. Sie können jederzeit das Ziel wechseln oder gar kein Ziel haben oder ein bestimmtes Ziel im Auge haben. Der Vermeider bevormundet Sie in keinem Fall. Er sagt Ihnen nur, wenn Sie eine bestimmte Richtung wählen, ob es eine ungünstige Richtung ist."

"Was heißt denn hier 'ungünstig'?"

"Nun, es können Hindernisse auf dem Weg liegen. Oder es handelt sich um eine Sackgasse, oder eine Baustelle behindert Ihr Tempo. Oder die Richtung führt Sie lediglich wieder zum Ausgangspunkt zurück. Es gibt viele Möglichkeiten und Gründe, einen bestimmten Weg nicht zu nehmen. Der Vermeider zeigt nur durch sanftes Vibrieren an, dass Sie auf dem Holzweg sind."

"Wenn ich das Ding um den Hals hängen habe, funktioniert es offensichtlich auch außerhalb eines Fahrzeuges, oder?"

"Selbstverständlich. Ob Sie mit dem Auto unterwegs sind oder mit dem Fahrrad oder per pedes, der Vermeider weist Sie auf Richtungen hin, die Sie vermeiden sollten. Deswegen heißt das Gerät auch Vermeider. Ob Sie nun eine Richtung, die Sie gemäß Gerät lieber vermeiden sollten, auch wirklich vermeiden, ...das ist Ihre Sache. Sie werden nicht bevormundet."

"Ich habe immer noch Schwierigkeiten, zu verstehen, wozu es eines Vermeiders bedarf, wenn ich ein bestimmtes Ziel erreichen möchte."

"Ich will es mal an einem Beispiel deutlich machen. Der Vertreter, der mich gebeten hat, dieses Gerät hier anzubieten, sagte, er benutze diesen Vermeider selbst.

Ich gebe nur wieder, was er mir gesagt hat. Also, dieser Herr wurde eines Abends von seiner Frau gebeten, den Mülleimer auf den Bürgersteig zu stellen, damit die Müllabfuhr...Sie wissen schon.

Also dieser Mann schnappt sich den Mülleimer und will... aber da meldet sich sein Vermeider mit leichtem Vibrieren. Der Mann, den Mülleimer schon in der Hand, geht nun nicht den üblichen Weg, um seinen Mülleimer an den Straßenrand zu bringen, sondern schlägt einen größeren Bogen ein.

In diesem Moment löst sich eine Firstpfanne, scheppert die Dachneigung hinunter, bekommt durch die Dachrinne noch einen zusätzlichen Drall und schlägt heftig auf dem Boden auf. Und, was soll ich sagen... genau auf die Stelle, an der der Mann normalerweise mit seinem Mülleimer gegangen wäre und genau zu diesem Zeitpunkt. Ein Navi hätte hier nicht geholfen."

"Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen?"

"Ich wollte Ihnen nur an einem Beispiel den Unterschied zwischen einem Navi und einem Vermeider verdeutlichen. Niemand ist gezwungen, einen Vermeider zu besitzen oder ihm zu trauen. Man kann sozusagen einen Vermeider.. auch vermeiden."

Der Anbieter ist schier begeistert über seinen Wortwitz.

"Ich verstehe Sie so, dass ein Vermeider nicht nur im Straßenverkehr angibt, welche Richtung man tunlichst vermeiden soll, sondern auch..... im Leben."

"So ist es. Aber bevor Sie jetzt anfangen, Feuer zu fangen.... Ich muss Sie pflichtgemäß darauf hinweisen, dass dieses Gerät noch in der Entwicklung ist. Wenn Sie es erwerben wollen, muss ich Sie darum bitten, schriftlich zu bestätigen, dass wir für Ihre Entscheidungen, die Sie auf der Grundlage des Vibrierens Ihres Vermeiders treffen, nicht haften. Wir haften nur für die technische Funktionalität."

"Nun, das wäre kein Problem. Bislang habe ich ohnehin für meine Entscheidungen immer haften müssen. Daran würde sich nichts ändern."

"Sie wollen es also?"

"Augenblick noch. Es gibt doch Situationen im Leben, da gibt es keine günstige Richtung. Sie kennen das doch auch. Sie machen etwas und haben anschließend das Gefühl...wie man es auch gemacht hätte, es wäre immer falsch gewesen."

"Nun, ich denke, dass man sich in solchen Fällen oft vom Urteil anderer Menschen abhängig macht. Man tut etwas und schon sagt eine Menschengruppe, das ist ja wohl nicht zu glauben. Tut man das Gegenteil, gibt es wiederum Menschen, die einem den Verstand absprechen. Gerade in diesen Fällen ist ein Vermeider besonders hilfreich. Er vibriert nicht mal so und mal so. Sondern er vibriert nach meinungsunabhängigen Maßstäben."

"Das ist es, was ich suche. Meinungsunabhängige Maßstäbe. Die Wahrheit an sich. Nicht die Wahrheit, die die Menschen in ihren Köpfen herumtragen und gegeneinander richten. Jeder sollte so einen Vermeider haben. Was könnte man nicht alles vermeiden: Parteienstreit, hitzige Debatten, Konkurrenzkämpfe, Familienstreitigkeiten, Vereinsmeiereien, Kriege, Hungersnöte, Katastrophen. Zumindest könnte man Katastrophen aus dem Wege gehen. Ein tolles Gerät, und es liegt hier so unscheinbar zwischen Ihren Navigationsgeräten. Ohne jede Werbung."

"Nun, wir haben bislang nicht gewusst, wo wir es unterbringen sollen. Die Nähe zu Navigationsgeräten schien uns am plausibelsten. Haben Sie eine bessere Idee?"

"Da haben Sie nun so ein wunderbares Gerät und befragen es nicht selbst. Sie hätten es sich um den Hals hängen und irgend eine Richtung in Ihrem Laden nehmen sollen. Das Gerät hätte Sie durch Vibrieren schon darauf aufmerksam gemacht, wo es nicht liegen will. Auf diese Weise hätten Sie herausgefunden, wo es schließlich am besten angeboten wird."

"Wissen Sie, daran haben wir auch schon gedacht. Mein Chef hat mir gesagt, machen Sie das mal. Ich habe es aber nicht gewagt und das Ding hier zu den Navis gelegt. Der Chef glaubt immer noch, dass der Vermeider selbst hier liegen will."

"Aber warum haben Sie es nicht wirklich benutzt?"

"Vielleicht hatte ich Angst, dass mir das Ding mitteilt, dass ich den falschen Beruf habe und mir den Weg zum Chef zeigt, um zu kündigen."

"Aber das wäre doch dann eine richtige Entscheidung gewesen. Wer weiß, welche Lebenschance Sie nun versäumen, nur weil Sie Ihrem eigenen Gerät nicht folgen wollen. Nun sind Sie immer noch in diesem Geschäft und könnten 'was Besseres machen."

"Ich weiß nicht. Ich will lieber alles so lassen. Vielleicht will der Vermeider auch noch, dass ich meine Frau vermeiden soll.

Ich weiß, man muss dem Vermeider nicht folgen. Aber wenn er einem erst einmal ins Hirn setzt, dass man einen nicht ganz richtigen Weg gegangen ist, bleibt das immer im Kopf und man denkt und denkt... was wäre gewesen?"

"Ich verstehe Sie nicht. Sie sind der Anbieter und bieten Ware feil. Aber anstatt mich davon zu überzeugen, wie wundervoll Ihre Artikel sind, muss ich Sie offensichtlich überreden, mir den Vermeider zu verkaufen.

Wissen Sie was, ich will das Ding. Ob ich immer alle Richtungen in meinem Leben vermeiden will, die mir der Vermeider anzeigt, ist immer noch meine Angelegenheit. Da bin ich ganz autonom. Packen Sie es nicht ein, ich hänge es gleich um. Dieser Lederriemen hier kommt dazu. Wo ist das Papier, das ich unterschreiben soll? Kann ich mit Karte zahlen?"
 

Mit sich zufrieden verlässt der Kunde das Geschäft, den Vermeider am Lederbändchen um den Hals.

Der Anbieter sieht ihm nach. Der Kunde geht vor bis zum Bürgersteig, zögert einen Moment und wendet sich lächelnd nach links.

Der Vermeider scheint funktioniert zu haben, denkt der Anbieter. Vielleicht wollte der Kunde nach rechts abbiegen, aber der Vermeider hat vibriert und der Kunde hat gehorcht und die Richtung gewechselt. Oder aber der Kunde wollte sich ohnehin nach links wenden und der Vermeider hatte keine Einwände.

Wie auch immer, denkt der Anbieter, der Kunde wird nicht feststellen können, was die vermiedene Richtung für ihn bereit gehalten hätte. So aber ist der Kunde glücklich, einer vermeintlich falschen Richtung noch rechtzeitig ausgewichen zu sein. Der Vermeider soll dem Kunden doch schließlich nützlich sein.

Nachdenklich geht der Anbieter ins Lager nebenan, schaltet die Beleuchtung ein und greift in eine Schachtel. Er entnimmt einen weiteren Vermeider, öffnet das an diesem Gerät seitlich angebrachte Batteriefach und führt eine kleine Batteriezelle, die er aus einem Schälchen unter der Schachtel fingert, in den Schlitz ein.

"Fertig," murmelt er, wissend, dass nun der Vibrator im Gerät mit Energie versorgt und der auf einer Platine angebrachte Zufallsgenerator aktiviert ist.


- Kommentare ()
Freitag, 5. februar 2010 5 05 /02 /2010 00:01


buergerIn den Medien rauscht es entweder enttäuscht oder klammheimlich fröhlich: Die schwarzgelbe Koalition hat die ersten 100 Tage stolpernd und holpernd überstanden. Dazu ist alles gesagt, nur noch nicht von jedem.

 

Damit es so bleibt, kein weiteres Wort dazu.

 

Warum sind gerade 100 Tage eine so bedeutende Frist? Vermutlich, weil es eine runde Zahl ist. Ein runder Geburtstag ist ja im Vergleich zu Geburtstagen allgemein auch etwas Besonderes. So wie es aber keine Leistung ist, einen Geburtstag zu haben, so ist es völlig irrelevant, wie eine Koalition gerade am 100. Tag aussieht.

 

Ein bedeutenderes Datum leuchtet am Horizont auf, nämlich der 9. Mai 2010, Landtagswahl in NRW. Wie viele Rheinländer und Westfalen hören dann auf die Stimme ihres Wahlnavigators "Bitte bei nächster Gelegenheit links abbiegen" ? - Für diese Richtungsempfehlung kann die schwarzgelbe Koalition in Berlin noch manches beitragen - in den nächsten 100 Tagen.

 

 


Kommentar hinzufügen - Kommentare ()
Donnerstag, 4. februar 2010 4 04 /02 /2010 11:01


buerger Steigende Sozialausgaben und geringere Steuereinnahmen bekämpfen viele Kommunen mit höheren Pargebühren, höheren Beiträgen für Kitas und Horts und kaltem Wasser in Schwimmbädern. Was die sinkenden Steuereinnahmen betrifft, dürfen sich Städte und Gemeinden gerne bei der Bundesregierung bedanken, die die verarmten Hoteliers mit 1 Milliarde Euro bedacht und das Kindergeld und die Kinderfreibeträge für Eltern erhöht hat. Diese können die Erhöhungen gleich wieder beim Kindergarten abgeben. Das gilt auch für Eltern, die wegen des Erhalts staatlicher Leistungen nichts für ihre Kinder bekommen und die meisten der v.g. Erhöhungen aus den staatlichen Zuwendungen nehmen müssen, deren Nutzen damit wieder geringer wird.

 

Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass Kommunen auch mal bei sich selbst nachschauen, wo sie den Gürtel enger schnallen können. Das Augenmerk darf dabei gerne auf die eigene Verwaltung gerichtet werden, sofern hier wegen der in Jahren gewachsenen bürokratischen Verwerfungen, die "von oben" eingerichtet wurden, noch Spielraum ist.

 

Die Dinge sind mittlerweile so kompliziert geworden, dass die Lust auf das Schwert, dass den Knoten durchhaut, immer größer wird. Das Kurieren hier und dort macht die Dinge nur noch schlimmer.

 

Wenn der Bund Gesetze macht, die zu Ausgaben führen, sind diese Ausgaben vom Bund zu übernehmen. Wenn die Kommunen Regeln machen, die zu Ausgaben führen, haben die Kommunen die Ausgaben zu übernehmen. Jede Kommune nimmt auf der Grundlage ihrer Einwohner anteilig am Gesamtsteueraufkommen teil. Jede der beiden Ebenen hat eine klare Aufgabenzuteilung.

 

Habe ich die Länder vergessen? Ich vergesse sie gerne. Aus meiner Sicht werden sie nicht benötigt. Starke und selbständige Kommunen in einem handlungsfähigen Staat befreit von 16 Landesregierungen, 16 Landesparlamenten und dem Bundesrat. Dieser könnte dann gleich durch ein Bundesorgan ersetzt werden, in welchem die Kommunen enstprechend ihrer Größe vertreten sind. 16 verschiedene Schul- und Polizeikonzeptionen ließen sich auf einen Nenner bringen. Hier liegen noch eine Reihe von Milliarden zur weiteren Verwendung, und das in jedem Haushaltsjahr.

 

Ich weiß, so wird es niemals kommen. Zu viele Parlamentarier und Regierungsangehörige würden eine neue Orientierung benötigen. Und so leisten wir uns Bundesländer, die weniger Quadratkilometer Fläche haben als der Landkreis Emsland.

 


Kommentar hinzufügen - Kommentare ()
Mittwoch, 3. februar 2010 3 03 /02 /2010 00:01


buerger"Denken schadet nicht," antwortete Andrea Nahles auf die Frage eines Journalisten, was sie von der am 31.1.2010 in Berlin entstandenen "Denkfabrik" mit rot-rot-grüner Prägung, die sich allerdings offiziell "Institut solidarische Moderne" nennt, hält.

 

Denken schadet nicht. Umberto Eco beklagt, dass in Italien alle linken Parteien, die zusammen bisweilen eine strukturelle Mehrheit innehaben, diese durch ständige Streitereien um diesen oder jenen richtigen Weg nicht in eine politische Mehrheit wandeln können. Fazit: Berlusconi hat das Sagen.

 

In Deutschland haben wir drei Parteien (SPD, Grüne, Linke) im sogenannten linken Lager, die sich ebenfalls immer soweit streiten, dass nur jeweils höchstens zwei partiell zusammenfinden, was für eine politische Mehrheit nicht reicht. Das gegenseitige Misstrauen führt dann dazu, dass das linke Lager nichts zustande bringt: keinen Mindestlohn, keine Bürgerversicherung, keine Bankenregeln, keine vernünftige Sozialgesetzgebung usw. Fazit: Große Koalition im Bund bis 2009, SPD-CDU-Koalition in Thüringen, CDU-Grüne in Hamburg, CDU-FDP-Grüne im Saarland. In NRW schließen die Grünen eine Koalition mit der CDU nicht aus, wenn der Mai kommt.

 

Dass sich in dieser Situation SPD-Mitglieder, Grüne und Linke zusammenfinden, um nachzudenken und mit einem eingetragenen Verein um weitere Mitdenker werben, ist aus meiner Sicht nur zu begrüßen. Die Hoffnung, dass aus dem Denken eines Tages Handeln wird, sollte nicht unerfüllt bleiben.

 

Dass der CDU-Generalsekretär schon einmal gegen dieses Institut schießt, zeigt, dass er in der Lage ist, eine Gefahr auszumachen. Auch seine Befürchtungen sollten nicht unerfüllt bleiben.

 

Was mich betrifft: Ich habe am 1. Februar meine Mitgliedschaft beantragt, als ich gesehen habe, dass auch Rudolf Dressler dabei ist. Hier geht es zum Institut solidarische Moderne.


Kommentar hinzufügen - Kommentare ()
Dienstag, 2. februar 2010 2 02 /02 /2010 11:06


buergerAuch nach der Entscheidung der Bundesregierung, die CD mit Daten von vermuteten Steuernbetrügern zu "kaufen", wird die Diskussion über die Rechtmäßigkeit dieses Deals in den Medien fortgesetzt. Mag sein, dass juristische Feinheiten nicht bis ins Letzte ausgelotet wurden und werden konnten. Aufgedeckte Steuerbetrüger können sich später an Gerichte wenden und ihr Recht geltend machen. Ggf. bis zum Verfassungsgericht kann die Rechtmäßigkeit dieses Handels überprüft werden.

 

Augenblicklich ist pragmatisches Handeln erforderlich, d.h. die CD ist zu besorgen, damit - wie bei jedem Bürger - Steuerhinterziehung bestraft werden kann und dem Staat hinterzogene Millionen an Euro zugeführt werden können.

 

Die Beziehungen zur Schweiz darf dabei keine Rolle spielen. Diese Beziehung hängt auch von der Schweiz ab, die sich bislang, was die Zusammenarbeit in Steuerfragen betrifft, immer bockig gezeigt hat. Die Schweizer Freundlichkeit hellt sich auf, wenn Formel-1-Rennfahrer und andere einen steuergünstigen Wohnsitz suchen.


Kommentar hinzufügen - Kommentare ()
Sonntag, 31. januar 2010 7 31 /01 /2010 00:10
winter2
Foto Ulrike Kirsch

- Kommentare ()
Sonntag, 31. januar 2010 7 31 /01 /2010 00:09

winter2Als ich etwa acht oder neun Jahre alt war, ging ich alle paar Wochen vom Haus meiner Eltern zur Wohnung meiner Großeltern. Das war ungefähr um die Zeit, als Deutschland zum ersten Male Fußballweltmeister wurde.

Die Wohnung meiner Großeltern bestand aus nur zwei Zimmern, getrennt durch einen Flur. Ein Zimmer war das absolut unbeheizbare Schlafzimmer, das andere das Küchenwohnbadezimmer. Dieses Zimmer wurde nur samstags zum ausschließlichen Baderaum. Dazu mussten Möbel gerückt werden. Dann musste von irgendwoher eine große Zinkwanne herangeschleppt und aufgebaut werden. Sie musste mit heißem Wasser, welches vorher auf dem Herd in einem großen Kessel gekocht wurde, gefüllt werden. Schließlich wurde das kochend heiße Badewasser mit Eimern kalten Wassers auf Badetemperatur heruntergekühlt. Zwei Stühle wurden als Sichtschutz mit einer Wolldecke verhängt. Ich hatte als kleiner Junge, der seine Großeltern niemals nackt sehen durfte, auf dem Sofa hinter der Decke zu verbleiben und im Schneider-Buch "Sommer im Försterhaus" zu lesen, zumindest intensiv den Blick darin zu versenken.

Diese Samstage veränderten nicht nur den Raum, sie waren Vorbereitungen auf die Sonntage, die man - frisch gebadet - empfing wie Zeiträume, in denen Beschaulichkeit erlaubt war und in denen das tägliche Nacheinander von sich ablösenden Tätigkeiten zur Erhaltung des Daseins wie Gartenarbeit, Einkaufen-in-weit-entfernten Läden und Kohlen-aus-dem-Keller-Holen aussetzte. Obwohl mein Großvater schon Rente bezog - "Knappschaft", wie er sagte, denn er war Bergmann -, hatte er durchaus den ganzen Tag zu tun. Meistens war er im Garten beschäftigt, der mehrere hundert Meter von der Wohnung entfernt war.

Die Gänge zur Toilette waren besondere Anlässe. Man musste von der Wohnung die Treppe hinunter und das Haus verlassen, um das Haus herumgehen und an den Fenstern der vermietenden Bauernfamilie vorbei, die Deele durch die ständig zugig-unverschlossene Deelentür betreten und an den warmen Kühen vorbei zum Abtritt. Ein Holzdeckel verschloss ein rundes Loch in einem rechteckigen Kasten über der Jauchegrube, die scharf und ätzend riechende Luft entließ. Die Produkte des Stuhlganges fielen etwa zwei Meter in die Tiefe und belohnten mit einem hörbaren Platschen. Bedrucktes Zeitungspapier der Qualitätsstufe "hart" stand zum Abschluss aller Verrichtungen zur Verfügung. Zurück ging es wieder an den warmen Kühen und an den Fenstern der Bauernfamilie vorbei. Diese bekam somit nicht nur die Länge der Sitzung, sondern auch die Tageshäufigkeit mit und konnte somit auf die Gesundheit der Mieter und somit auf die Beständigkeit des Mietverhältnisses schließen.

Da es außer einem Rundfunkgerät und der täglich erscheinenden sozialdemokratisch eingefärbten Westfälischen Rundschau keine weiteren Lebenszeitvernichter gab, waren auch bei einem Tag voller Tätigkeit - und vor allem am Sonntag - hier und da Zeiten der Beschaulichkeit verfügbar, sofern man sich sonst aber reichlich Mühe machte.

- Kommentare ()
Sonntag, 31. januar 2010 7 31 /01 /2010 00:08


Wenn Sie zehn Minuten Zeit haben

dann würden wir Ihnen gerne ein paar Fragen stellen

für eine Umfrage

die wir durchführen

im Auftrag des CKW

des Instituts für Meinungsumfragen

sicher schon gehört

danke das ist nett

haben Sie schon einmal Urlaub in der Türkei gemacht

wie fanden Sie die Unterbringung

und die Verpflegung

welches Auto fahren Sie

haben Sie einen Hund

haben Sie Kinder

wie viele davon sind Mädchen

wie viele Stunden Schlaf haben Sie in der Nacht

durchschnittlich

sind Sie derzeit arbeitslos

sind Sie verheiratet

zum wievielten Male

besitzen Sie ein Haus

oder eine Wohnung

oder wohnen Sie zur Miete

wenn Sie Ihre aktuelle Stimmung einschätzen

würden Sie sagen

Sie sind jetzt

heiter

oder angespannt

oder gelangweilt

nein amüsiert kann ich nicht ankreuzen

Sie müssen sich schon entscheiden

heiter angespannt oder gelangweilt

ärgerlich geht auch nicht

ich habe hier nur drei Felder

heiter angespannt oder gelangweilt

Mehrfachnennung ist möglich

angespannt und gelangweilt

gut

angespannt und gelangweilt

eine Frage noch

mehr angespannt oder mehr gelangweilt

die Anspannung nimmt zu

gut

waren Sie vor dieser Umfrage weniger angespannt als jetzt

oder waren Sie zu dem Zeitpunkt mehr gelangweilt als angespannt

wir müssen das fragen

der Fragebogen ist nach wissenschaftlichen

Gesichtspunkten erstellt worden

wenn Sie morgen über unser Gespräch nachdenken

werden Sie dann

mehr heiter

mehr angespannt oder

mehr gelangweilt sein

Mehrfachnennung ist möglich

wütend geht nicht

das kann ich nicht ankreuzen

zornig geht auch nicht

heiter

angespannt oder

gelangweilt

Mehrfachnennung ist ja möglich

wie von mir aus heiter

Sie werden also morgen heiter sein

gut wenn Sie meinen

ich kreuze das hier an

wichtig ist ja nur

dass überhaupt etwas angekreuzt ist

weil sonst die Computerauswertung stockt

danke für Ihre Mitwirkung

im Namen des CKW

sicher schon gehört

ja sicher

nein im Auftrage der Bundesregierung

natürlich aus Steuermitteln

was denn sonst

nein ich kann heiter jetzt nicht mehr ändern

und zornig war ja ohnehin nicht möglich

danke für Ihre Mitwirkung

ist ja doch schnell gegangen

Ihre Meinung war uns wichtig


- Kommentare ()
Sonntag, 31. januar 2010 7 31 /01 /2010 00:06


winter2Bruno hat jetzt in einem kleinen Kreis zugegeben, dass er, Bruno, seinem Freund Bredenberg nicht mehr vorurteilsfrei gegenüber treten könne. Er wünsche sich, so ließ er wissen, die Zeit zurück, als er Bredenberg zum ersten Male begegnet sei. Zu diesem Zeitpunkt habe er Bredenberg noch nicht gekannt und ihn auf den ersten Blick als einen in sich gekehrten, missgelaunten, distanzierten und unnahbaren Menschen eingeschätzt.

 

Erst viele Wochen später habe er allmählich feststellen können, dass Bredenberg durchaus offen, freundlich, zugewandt und hilfsbereit sei. Diese Eigenschaften seien aber erst offenbar geworden, als Bredenberg zu ihm, Bruno, ein gewisses Vertrauen gefasst habe. Nur diesem Zustand sei es zu schulden, dass Bredenberg sich anders verhalte, als es zu Anfang für Bruno wahrzunehmen war.

 

Bruno, so ließ er die Umsitzenden wissen, sei nun in einer gewissen Weise verwirrt. Er habe, da er Bredenberg mittlerweile schätze, die feste Absicht, sich Bredenberg gegenüber eine vorurteilsfreie und unverstellte Sicht auf die gesamte Persönlichkeit Bredenbergs zu gönnen. Bredenberg habe nichts anderes verdient und er, Bruno, ebenfalls.

 

Bruno sei unsicher geworden, ob diese voruteilsfreie Einschätzung der Person Bredenberg eher die sei, die er zu Beginn seiner Bekanntschaft mit Bredenberg gehabt habe oder aber die, die sich erst nach Monaten einer längeren Bekanntschaft feststellen ließ. Bruno wiederholte noch einmal für alle, die ihm zuhörten, wie sehr sich beide Einschätzungen voneinander unterschieden.

 

Als einer der Umsitzenden zu bedenken gab, dass es auch möglich sei, dass keine der beiden Einschätzungen ohne Vorurteil getroffen worden sein könnte, wurde Bruno, so wurde erzählt, ganz traurig und gab nach einer Weile zu verstehen, dass ihm nun nichts anderes übrig bliebe, als sich von Bredenberg zu trennen. Dieses sei offensichtlich die einzige Möglichkeit, Bredenberg in der Weise gerecht zu werden, wie er es verdiene. Diese Sicht der Dinge, so Bruno weiter, treffe ja nicht nur auf Bredenberg zu, sondern auch auf alle anderen Menschen, mit denen er, Bruno, in der Vergangenheit zu tun gehabt habe oder derzeit eine Bekanntschaft pflege. Danach, so berichteten einige Augenzeugen, habe Bruno seufzend den Raum verlassen.


- Kommentare ()
Sonntag, 31. januar 2010 7 31 /01 /2010 00:06

winter2Zuletzt habe ich erwähnt, dass ich als Junge von acht bis zehn Jahren, also in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, alle paar Wochen vom Haus meiner Eltern zur Wohnung meiner Großeltern ging. Von hier nach dort und auch auf dem Rückweg gab es verschiedene Wege. Von meiner Mutter wurde mir vor dem Abmarsch das Ehrenwort abgenommen, zur Vermeidung des damals noch geringen Verkehrs oder herumstreunender Unholde immer nur einen bestimmten Weg zu gehen, nämlich die Paasstraße bis zur Brinkerstraße in Sprockhövel, dann nach rechts abbiegen an der Firma Hausherr und Söhne vorbei bis zum Bahnhof Bossel, von dort dann den Kleinbecker Weg bis zum Hohlweg. Schließlich den Hohlweg hinauf bis zum Bauernhof, der die Wohnung meiner Großeltern im Obergeschoss des Hauptgebäudes enthielt.
 
Es gab viele andere Wege,  allesamt Abkürzungen, wie ich glaubte. Und Abkürzungen waren wichtig, denn der gesamte Weg belief sich auf etwa sieben bis acht Kilometer. Die 'Abkürzungen', die ich verbotenerweise wählte, waren in der Regel länger als der vorgeschriebene Weg. Sie erlaubten mir jedoch, immer neue Wege und damit die Umgebung meiner Kindheitsheimat zu erkunden. An der längeren Zeit, die ich unterwegs war, konnten meine Mutter und meine Großeltern im Nachhinein ermitteln, dass ich wohl einen verbotenen Weg gegangen sei oder aber mich irgendwo an einem Bachlauf oder beim Warten an Gleisen auf riesige und stampfende Dampfloks mit vielen Wagen, die hinterherquietschten, aufgehalten hätte.
 
Der Vorteil - und manchmal Nachteil - des Vergangenen ist, dass man es nicht rückgängig machen kann. So waren die Vorhaltungen über das Vergangene in der Regel zu überstehen, aber rückgängig konnte man es nicht machen. Ein klarer Vorteil für die Durchführung des Verbotenen, zumal eine wirklich echte Bestrafung mit Ausnahme entsetzter Mienen ausblieb. Selbst diese konnten vermieden werden, wenn  die erzählbare Wahrheit durch enstprechende Auslassungen und Untertreibungen zwar, was die Erzählung anbetraf, mit dem, was wirklich stattgefunden hatte, noch korrespondierte, aber im Kopf des Zuhörers ein Bild entstehen ließ, dass mit dem Geschehenen nichts mehr zu tun hatte. So lernte ich früh, dass die Wahrheit, wenn sie erzählt wird, verformbar wird, ohne dass man bewusst lügt. Die Unwahrheit entsteht erst im Kopf des Zuhörers. Die Schuld an einer falschen Interpretation des Gehörten trägt jedoch immer der Hörer. So bleibt die Welt in ihrer Ordnung.
 
Diese langen Wege entfernten mich von den Verpflichtungen daheim. Wer unterwegs ist, kann nicht anders befasst werden. Kommandos wie: Hol den Quark aus dem Keller, füttere die Hühner, zuerst die Hausaufgaben usw., die die Beschäftigung mit der Beschaulichkeit regelmäßig an den falschen Stellen unterbrachen, konnten mich nicht mehr erreichen. So wanderte ich durch immer neue Regionen, Schritt für Schritt, die Beschaulichkeit im Gepäck. Die einzige Mühe, die ich mit dieser Beschaulichkeit hatte, war, dass ich sie mir Schritt für Schritt erwandern musste. Und diese Mühe machte bisweilen müde, manchmal so müde, dass ich für die Zukunft bestimmte 'Abkürzungen' vermied, nämlich solche, in denen die Mühe, die der Beschaulichkeit möglichst viel Zeit zur Verfügung stellen sollte, zu groß wurde.

- Kommentare ()
Sonntag, 24. januar 2010 7 24 /01 /2010 00:10
winter6
Foto Ulrike Kirsch

- Kommentare ()
Erstellen Sie einen Blog auf de.over-blog.com - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Missbrauch melden - Articles les plus commentés