Oberinspektor
Lattmann und seine Bulldogge schauen durch die Gitterstäbe eines mannshohen Parktores.
"Ludolf, ich sehe kein Haus, ich sehe nur ein riesiges Gelände mit gepflegtem Grün und vielen Laubbäumen. Gute Gelegenheit, dein beliebtes Stöckchenholen zu spielen."
Ludolf wendet sich ab und beendet abrupt das Wedeln mit seinem üppigen Hinterteil.
"Na gut, dann nicht," murmelt Lattmann, "aber wir werden uns mal anmelden."
Lattmann drückt auf einen Knopf unter dem unübersehbaren Namensschild mit der Aufschrift "Bernhold".
Kurze Zeit später meldet sich eine Mikrofonstimme aus einem rechts neben dem Tor stehenden Gebüsch.
"Ja bitte?"
"Lattmann, Kripo, Oberinspektor Lattmann, Kriminalpolizei, Herr Bernhold, Sie haben bei uns angerufen."
"Mein Name ist nicht Bernhold. Ich bin James, der Butler, Sir."
Lattmann braucht einige Sekunden. Er vergewissert sich, dass er nicht in einer englischen Grafschaft steht, sondern mitten auf dem Hümmling im Nordwesten Deutschlands. Aber nun kommt es ihm doch so vor, als habe er einen englischen Park vor sich.
"Aha, Sie sind der Butler. Herr Bernhold hat uns angerufen, weil er ein Problem hat. Würden Sie das Tor öffnen?"
"Warten Sie bitte einen Moment, Sir. Ich werde mich bei Sir Robert erkundigen."
"Einen Augenblick noch..." Lattmann fällt etwas ein.
"Ich habe einen Hund dabei. Fragen Sie Herrn Bern..., fragen Sie Sir Robert, ob ich ihn mitbringen darf."
"Um was für einen Hund handelt es sich?"
"Eine Bulldogge... Augenblick, eine englische Bulldogge."
"Einen Moment, Sir."
Lattmann ist etwas ratlos.
"Was soll dieses englische Getue?" murmelt er in Richtung Ludolf. Aber Bernhold scheint sehr reich zu sein. Eine riesige englisch wirkende Parkanlage, das Haus ist vom Tor aus nicht sichtbar, er beschäftigt einen Butler, reiche Leute können sich jeden Tick erlauben, denkt Lattmann.
"Butler... Sir.... um was für einen Hund ... mein Gott. - Ludolf, du wirst dich in der nächsten Zeit wie eine englische Bulldogge benehmen, hast du verstanden?"
Ludolf hechelt weiter. Offensichtlich weiß er nicht, was von einer englischen Bulldogge verlangt wird.
Plötzlich ein Knacken im Gebüsch.
"Sir?"
"Ja, bitte!"
"Ich öffne nun das Tor. Folgen Sie dem Kiesweg bis zum Hauptgebäude. Sir Robert wird Sie empfangen. Er lässt Ihnen ausrichten, auf jeden Fall die englische Bulldogge mitzubringen."
"In Ordnung, Herr...."
"Nennen Sie mich James."
"In Ordnung, Herr .....James."
Das Tor, von einem versteckten Motor angetrieben, öffnet sich für Ludolf und Lattmann, als müsse ein Möbelwagen hindurch. Die beiden betreten den Park. Sie haben sich etwa 20 Meter auf dem geharkten Kiesweg Richtung Haus bewegt, als sich das große Tor hinter ihrem Rücken krachend schließt. Ludolf bleibt stehen, schaut sich um, dann wieder auf seinen Chef mit einem Blick, der Lattmann klar signalisiert, dass Stöckchenwerfen durchaus möglich ist, doch Stöckchenholen für heute jenseits aller Erwartungen bleiben wird. Lattmann nickt einsichtig.
Erst als der Kiesweg um einen Wald eine Rechtsbiegung macht, wird der Blick auf eine große Fachwerkvilla frei, die teilweise mit rotem Weinlaub bewachsen ist.
"Wir sind mitten in England," sagt Lattmann, der selbst noch niemals in seinem Leben in England war und fügt hinzu, "glaube ich."
Als sie sich der Treppe nähern, die in 5 Stufen hinauf zur mächtigen Haustür führt, öffnet sich das Portal. Ein schlanker Mann, bekleidet mit einem perfekt geschnittenen schwarzen Anzug, weißem Hemd und schwarzer Fliege, tritt ihnen entgegen.
"Ich habe Sie kommen sehen, ich bin James, Sir Roberts Butler, treten Sie ein."
Ludolf lässt es sich nicht nehmen, James Hosenbeine respektlos zu inspizieren.
"Sir Robert erwartet Sie. Gehen Sie nur die Treppe hinauf und dann sofort geradeaus in die Bibliothek. Sir Robert möchte, dass Sie sich von Ihrer englischen Bulldogge begleiten lassen."
"Danke, James!" erwidert Lattmann, der nun bereit ist, dieses englische Spektakel mitzuspielen. Nur Ludolf benimmt sich wie immer und versetzt sein Hinterteil in Schwingungen, da die unbekannte Umgebung seine Neugier auf das, was möglicherweise kommen mag, auf Trab bringt.
Mit den Worten "Komm, Ludolf!" macht sich Lattmann mit seinem Hund daran, die breite, aus schwarzem Holz bestehende Treppe in Richtung Bibliothek in Angriff zu nehmen.
Lattmann ist mit seinen schnellen Schritten schon oben auf der Plattform, während sich Ludolf noch die glatten Stufen hochquält und auf den schwarzen Brettern den einen oder anderen Kratzer hinterlässt. Der Hund erreicht gerade hechelnd die oberste Stufe, als eine der sieben Türen sich öffnet und ein Mann mit vollkommen kahlem Kopf, bekleidet mit einer übergroßen, bequemen Hausjacke und ausgebeulter Hose, auf Lattmann und Ludolf zukommt.
"Oberinspektor Lattmann und seine englische Bulldogge, wenn ich nicht irre?"
"So ist es, Herr Bernhold. Und das ist Ludolf, wenn ich vorstellen darf."
Bernhold bewundert den Hund, Ludolf ist wenig beeindruckt und wendet den Blick ab.
"Freut mich sehr. Kommen Sie in die Bibliothek. Wenn ich vorausgehen darf?"
Bernhold dreht sich um und betritt die Bibliothek. Lattmann und die englische Bulldogge folgen. Ludolf hechelt noch immer, hat sich aber schon wieder soweit erholt, um mit wedelndem Hinterteil signalisieren zu können, dass er bereit ist, neue Erfahrungen zuzulassen.
"Nehmen Sie bitte Platz, Herr Oberinspektor."
Bernhold schließt die Tür und weist auf einen bequemen Sessel hin, der mitten im Zimmer steht. Er dreht einen ebenso großen und schon etwas abgesessenen Sessel, der auf den Kamin gerichtet ist, so, dass er nun auf Lattmanns künftigen Sitzplatz weist. Lattmann steht noch etwas unschlüssig herum und bewundert die Wandregale, die ausschließlich Bücher enthalten und nur Platz lassen für eine Türöffnung, eine Fensteröffnung und die Kaminöffnung mit dem darüber hängenden Bild, welches eine Waldlichtung darstellt.
"Aber bitte doch," wiederholt Bernhold mit entsprechender Geste, Lattmann möge endlich Platz nehmen, und wirft sich selbst in seinen Sessel. Während Ludolf durch das Zimmer kreuzt und alle möglichen Ecken und Winkel untersucht, kommt Lattmann dieser Aufforderung nach. Als auch Ludolf zur Ruhe kommt und sich zu Füßen seines Chefs auf dem Teppich niederlässt, beginnt Bernhold mit wichtigem Gesicht das Gespräch, von dem Lattmann annehmen muss, dass es nun um seine Aufgabe gehen wird.
"Herr Oberinspektor," räuspert sich Bernhold.
"Mein Name ist Lattmann. Das genügt."
"Also, Mr. Lattmann, ich habe heute morgen Scotland Yard informiert, weil ich bestohlen wurde."
"Wenn ich unterbrechen darf, Herr Bernhold. Ich komme nicht von Scotland Yard, sondern von der für diesen Landkreis zuständigen Kriminalpolizei. Nur, damit wir uns nicht missverstehen."
"Ich weiß, Mr. Lattmann, das ist mir durchaus bewusst. Es ist Ihnen sicher schon aufgefallen, dass ich meine Umgebung so englisch wie möglich gestalte. Es ist einfach nur ein Spleen, nichts als ein Tick. Ich liebe diesen Tick und ich habe die finanziellen Möglichkeiten, mir diesen Tick zu erlauben. Ich bin, das weiß ich wohl, ein Niedersachse, aber ich gebe mich als Angelsachse.
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich auf diese Kommunikationsebene einlassen. Mein Name ist Robert Bernhold, Sie dürfen mich gerne Sir Robert nennen, Mr. Lattmann. Es würde mich freuen."
Lattmann schnauft. Er überlegt kurz, ob es abwechslungsreicher sei, eine trockene Aufgabe mit etwas Spaß zu verbinden. Dann entscheidet er sich.
"Sir Robert, womit kann ich dienen?"
Bernhold lächelt kurz. Dann beginnt er mit der Vornehmheit eines englischen Gentleman.
"Mr. Lattmann, ich habe heute morgen Scotland Yard darüber informiert, dass ich bestohlen wurde. Ich nehme an, Inspector, dass Sie vom Yard beauftragt wurden, dieses Problem zu lösen?"
Lattmann schnauft erneut. Vielleicht hätte er sich doch nicht auf dieses dumme Spiel einlassen sollen. Nun aber ist es zu spät.
"So ist es, ....Sir."
"Es ist Folgendes passiert."
Bernhold steht auf und öffnet das Bild über dem Kamin wie eine Tür. Hinter dem Bild sieht Lattmann einen Safe. Bernhold gibt auf einer Tastatur in Windeseile einen längeren Code ein. Schließlich öffnet sich automatisch die Tür zu einem völlig leeren Tresor. Bernhold lässt die Tür geöffnet und wirft sich wieder in seinen Sessel.
"Leer!" sagt er resignierend.
"Ich sehe es," sagt Lattmann und weiß, dass nun seine Zeit gekommen ist.
"Sir Robert, ich habe jetzt selbstverständlich eine Reihe von Fragen, die Sie von mir aus im angelsächsischen Stil, aber möglichst präzise beantworten wollen."
Lattmann scheint es an der Zeit, die Gesprächsführung zu übernehmen.
"Das ist mir sehr recht. Ich werde mich bemühen. Schießen Sie los!”
Lattmann steht auf. Auch Ludolf erhebt sich im Glauben, es ginge wieder hinaus. Lattmann untersucht jedoch nur die Tresortür.
"Nichts festzustellen," ruft Bernhold.
Lattmann mag es nicht, wenn jemand glaubt, in seine Arbeit eingreifen zu müssen. Daher untersucht er die Tresortür besonders genau.
"Sir Robert, wann haben Sie festgestellt, dass der Tresor vollständig leer ist?" Lattmann setzt sich wieder. Auch Ludolf lässt alle Hoffnung fahren und nimmt seinen Liegeplatz exakt wie vorher ein.
"Heute morgen, so gegen zehn Uhr etwa."
"Wann haben Sie Ihren Tresor zum letzten Mal geöffnet und festgestellt, dass nichts fehlte?"
"Das muss vor ungefähr drei oder vier Wochen gewesen sein."
"Was hatten Sie dort aufbewahrt?"
"Gold, nichts als Gold, 5 Barren zu je einem Kilogramm, viele kleinere Barren, diverse Goldmünzen. Ich habe eine genaue Aufstellung, warten Sie..."
Bernhold will sich aus seinem Sessel bemühen, Lattmann winkt ab.
"Später vielleicht, wie hoch schätzen Sie den Gesamtwert, in Euro bitte, nicht in Pfund?" Lattmann kann es nicht lassen, den rechten Mundwinkel ironisch anzuheben.
"Der Goldpreis schwankt erheblich. Der Tageskurs ist mir nicht bekannt. In guten Zeiten ließe sich ein Erlös von etwa 160.000 Euro erzielen."
"Versichert?"
"Nein, ich habe auf die Tresorpanzerung vertraut."
Lattmann macht eine Pause.
"Sir Robert, Ihr Tresor öffnet sich durch einen Nummerncode. Wer außer Ihnen kannte diesen Code noch?"
"Meine Frau kannte ihn natürlich. Aber sie ist seit sieben Jahren tot. Außerdem habe ich den Code bei einem Notar in der Kreisstadt hinterlegt. Dieser verwaltet auch mein Testament."
"Sie sind also der einzige im Haus, dem der Code bekannt ist?"
"Selbstverständlich."
"Für den Fall, dass Sie einmal den Code vergessen... Haben Sie ihn an irgendeiner versteckten Stelle notiert?"
"Selbstverständlich. Aber niemand wird dieses Versteck finden."
"Hier im Haus?"
"Sogar in diesem Zimmer." Bernhold lächelt.
"So, in diesem Zimmer. Vielleicht in einem der vielen Bücher? Hinter einer Kaminkachel? Unter einer Parkettdiele?"
Bernhold wird blass. Sein Respekt vor Lattmann wächst.
"Es ist... es ist eine der Parkettdielen. - Aber nicht zu finden. Die Parkettdiele kann man nur mit einem sehr schmalen Blechstück anheben. Außerdem ist es eine Diele unter diesem Teppich. Und der schwere Tisch darauf lässt sich nur von zwei Personen anheben. Mindestens. - Und das Blech verwahre ich in einem meiner Bücher, sieht aus wie ein Lesezeichen."
Es klopft an der Tür. Bernhold ruft "Ja bitte!"
Ein Mann in Arbeitskleidung, den Lattmann auf Mitte Dreißig schätzt, kommt herein, erschrickt ein wenig, weil er nur seinen Chef Bernhold, aber keinen weiteren Gast erwartet hat. Ludolf steht auf und geht mit wedelndem Hinterteil auf den Eindringling zu, um seine Hosenbeine zu kontrollieren.
"Sir Robert," sagt der Mann unsicher, "ich komme wegen der Kaminasche und wegen des Papierkorbes."
"Danke, Jack, aber wie Sie sehen, habe ich Besuch, vielleicht kommen Sie später noch einmal."
Jack wirft einen Blick auf die geöffnete Tresortür, lächelt Bernhold zu und verschwindet. Ludolf wendet sich seinem Liegeplatz wieder zu.
"Das war Jack, mein Hausmeister und Gärtner. Er wollte den Papierkorb leeren und sich um den Kamin kümmern."
Lattmann richtet seinen Blick auf den großen Metallkübel neben dem Kamin, der offensichtlich für die Kaminasche gedacht ist.
"Darf Jack diesen Raum betreten, auch wenn Sie nicht da sind, Sir Robert?"
"Ich bin in der Regel immer hier. Aber grundsätzlich dürfen alle Mitglieder des Personals diesen Raum betreten."
"Auf Ihr Personal komme ich noch zu sprechen. Sir Robert, waren Sie in letzter Zeit auf Reisen oder einige Tage außer Haus?"
"Mr. Lattmann, ich bin sehr häuslich. Ich bin immer in diesem Haus und mit Ausnahme der Einnahme von Mahlzeiten in diesem Zimmer. Ach ja, meiner Bettruhe komme ich in meinem Schlafzimmer nach. Seit der Renovierung dieses Holzfensters vor mehr als zwei Jahren habe ich dieses Haus keinen Tag verlassen."
"Was war mit dem Fenster?"
"Ich habe das Fenster damals durch eine örtliche Schreinerei reparieren lassen. Für diese Arbeit hatte der Schreiner drei Tage angesetzt. In dieser Zeit - also vor mehr als zwei Jahren- habe ich mich für fünf Tage auf eine kleine Reise begeben."
"London?"
"Woher wissen Sie?"
Lattmann antwortet nicht, sondern lächelt in sich hinein.
"Ja, natürlich London," setzt Bernhold fort, "aber wenn Sie nun die Schreinerei verdächtigen. Niemals. Ich sagte ja schon, dass der gesamte Goldbestand vor drei oder vier Wochen noch im Tresor lag. Außerdem hätte niemand von der Schreinerei an den Code unter der Diele kommen können. Denn diesen Zettel habe ich mitgenommen - nach London. Und diesen Zettel habe ich ständig in meiner Anzugtasche gehabt. Nach meiner Rückkehr habe ich ihn wieder unter die Parkettdiele gelegt. Die Schreinerei hatte nicht die geringste Möglichkeit, an den Code zu kommen."
"Sie sagten, dass man diesen Tisch nur mit zwei Personen verrücken kann. Wer hat Ihnen vor Ihrer Abreise geholfen?"
"James. Ich bat ihn, mir dabei zu helfen, damit der Tisch nicht im Wege steht, wenn die Leute von der Schreinerei kommen. Den Teppich habe ich erst entfernt, als James gegangen ist."
"Und nach Ihrer Rückkehr? Sie hatten ja vor, den Zettel mit dem Code wieder unter die Parkettdiele zu legen."
"Ich habe George, den Fahrer, gebeten, der mir einige Utensilien von der Reise in die Bibliothek getragen hatte, mir beim Tischerücken zu helfen. Als George gegangen war, habe ich den Zettel wieder deponiert. Später hat mir Jack geholfen, den Tisch korrekt zu stellen."
Bernhold war über sich erfreut, alles noch so gut in Erinnerung zu haben.
"Ist der Zettel zur Zeit noch an seinem Platz?" will Lattmann wissen.
"Das weiß ich nicht, sollen wir nachschauen?" antwortet Bernhold und will sich erheben.
"Nein, nein," sagt Lattmann, "sollte es wichtig werden, können wir das immer noch tun."
Bernhold lässt sich wieder zurückfallen.
Lattmann, der aus dem Fenster gesehen hat, wendet sich langsam wieder zu Bernhold.
"Sir Robert, Ihren Butler James habe ich schon kennengelernt, ihren Hausmeister und Gärtner Jack auch. Sie haben die Namen weiterer Personen erwähnt."
"Ja, Inspector, da ist noch Mary, die Frau für die Reinigung des Hauses, zuständig für die Wäsche, Bekleidung, Bettwäsche, Gardinen und so weiter. Dann haben wir noch Anne, die Köchin, auch für Einkäufe zuständig, und George, meinen Fahrer, der auch Besorgungen erledigt."
"Können alle Personen dieses Zimmer betreten?"
"Ja, alle haben einen Generalschlüssel. Aber, was ihre Aufgaben betrifft, sind Anne und George selten hier. George schafft es immer nur bis zur Tür, um mir zu sagen, dass der Wagen bereit steht, und Anne spricht einmal in der Woche mit mir den Speiseplan ab. James wacht über alles. Aber noch einmal, niemand kennt den Code, nicht einmal James."
"Haben Sie Grund, jemandem zu misstrauen?"
"Nicht im geringsten, alle sind sehr vertrauenswürdig, sehr distanziert, sehr englisch eben. Auch untereinander gehen sie respektvoll miteinander um. Jack und Mary mögen sich sogar besonders, wenn Sie wissen, was ich meine. Ihre Beziehung, wenn ich so sagen darf, dauert nun schon etwa drei Jahre. Ich muss wohl irgendwann damit rechnen, dass sie heiraten werden. Und James ist sehr höflich zu Anne. Ich glaube, dass er sie sehr mag. Aber dabei ist es wohl geblieben. James würde sich nie erlauben...."
"Sir Robert, was ist mit George?"
"George ist ein Eigenbrötler. Am liebsten ist er in seiner Garage und pflegt den Maybach. Er spricht wenig. Am Wochenende ist er auf der Pferderennbahn und in seiner Freizeit sitzt er immer auf derselben Bank im Garten. Oder er ist in der Garage, wie ich schon sagte. Ein ehrlicher Kerl, ich mag ihn."
"Sir Robert, ich komme noch einmal auf Ihre Londonreise vor etwa zwei Jahren zurück. Damals beauftragten Sie eine Schreinerei mit der Reparatur der Fenster. Den Zettel mit dem Code nahmen Sie mit?"
"So ist es, ich nahm den Zettel kurz vor meiner Abreise an mich, damit niemand von der Schreinerei ihn finden konnte. Schließlich waren die Leute einige Tage unbeaufsichtigt in der Bibliothek. Ich wollte kein Risiko eingehen. Wer weiß, was die alles untersucht hätten. Ich kannte die Leute doch nicht."
"Das sagten Sie, Sir Robert. Sie sagten auch, dass Sie den Zettel in London dabei hatten."
"Jawohl, keine Chance für die Schreinerei oder sonst jemanden, diesen Code zu finden."
"Fuhr George Sie zum Flugplatz?"
"Ich bin mit der Bahn gefahren, dann habe ich die Fähre genommen. Ja, es ist richtig, George hat mich zum Bahnhof gefahren. George fährt mich immer."
"Könnte George Sie beim Ein- und Aussteigen irgendwie angestoßen oder auf andere Art und Weise berührt haben?"
"Ach, Sie meinen, George hätte sich wie ein Taschendieb verhalten, um mir den Zettel aus dem Anzug zu stehlen? Zum einen hätte er wissen müssen, dass ich einen solchen Zettel dabei habe, zum anderen hatte ich meinen Reiseanzug an. Der Anzug mit dem Zettel war im Koffer, jedenfalls bei meiner Hinreise."
"Und auf der Rückreise?"
"Da trug ich wieder meinen Reiseanzug. Den Zettel habe ich aber im Reiseanzug gehabt. Ich wusste schließlich, dass Mary nach meiner Rückkehr sich um die Wäsche kümmern würde. Ich wollte nicht, dass sie den Zettel findet und nicht weiß, was damit ist und ihn vernichtet."
"Hat sich Mary auch um den Reiseanzug gekümmert?"
"Selbstverständlich. Allerdings habe ich ihr den Anzug erst gegeben, nachdem ich den Zettel wieder unter der Parkettdiele deponiert hatte. Sie sehen, Inspector, weder die Schreinerei noch jemand aus dem Hause konnte den Code kennen. Außerdem wurde der Tresor nicht vor zwei Jahren ausgeräubert, sondern vor einigen Tagen oder vor zwei oder drei Wochen. Wie gesagt, vor drei oder vier Wochen war er noch wundervoll gefüllt."
Lattmann steht auf und geht vor den Regalreihen auf und ab. Ludolf verfolgt ihn mit den Augen, ohne den Kopf zu bewegen.
Bernhold räuspert sich.
"Inspector, das ist ein unlösbares Rätsel. Das Gold ist weg, der Tresor wurde nicht aufgebrochen, niemand kennt den Code, das heißt, nur der Notar in der Kreisstadt hat einen geschlossenen Umschlag beim Testament liegen."
"Sir Robert, hatten Sie in den letzten Tagen Besuch von diesem Notar oder einem seiner Angestellten?"
"Nein, Inspector. Mir ist alles ein großes Rätsel. Ich werde auf das Gold wohl verzichten müssen."
"Geben Sie die Hoffnung nicht auf, Sir Robert. Ich werde jetzt Ihr Personal befragen, vermutlich wird Ihnen derjenige, den ich als zweiten befragen werde, später das Gold zurückgeben können.
Seien Sie bitte so freundlich, Sir Robert, mir die Bibliothek für eine ungestörte Befragung zur Verfügung zu stellen."
"Ich verstehe," sagte Bernhold nach einem kurzen Moment, "drücken Sie hier auf die Klingel, dann kommt James und ist Ihnen behilflich."
Bernhold weist auf einen Klingelknopf an der Wand und verlässt den Raum. Ludolf steht auf und verfolgt den Vorgang interessiert.
Wen hat Oberinspektor Lattmann im Visier? Überlegen Sie, bevor Sie weiterlesen.
"Ludolf," wendet sich Lattmann an seine Bulldogge, "wenn wir darüber nachdenken, wer an diesen Zettel gekommen sein könnte, werden wir noch lange rätseln müssen.
Vergessen wir einmal das Problem, wie der Tresor geöffnet worden sein soll.
Stellen wir uns zunächst die Frage, wer in der Lage gewesen wäre, diese Kiloware aus dem Tresor und aus diesem Zimmer zu bringen. Wer hätte diese Last unbemerkt aus dem Haus tragen können, und zwar in den letzten drei oder vier Wochen, also in einer Zeit, in der Sir Robert fast ständig in diesem Zimmer war und es nur zu den Mahlzeiten und zur Bettruhe verließ?"
Ludolf schaut Lattmann hechelnd an.
"So ist es, Ludolf, nur einer vom Personal könnte sogar unter der Aufsicht von Sir Robert und unter Beobachtung des gesamten Personals diese Beute aus dem Zimmer getragen haben."
Ludolf macht ein Gesicht, als wisse er es. Sie auch?
"So ist es, Ludolf, das kann nur einer gewesen sein. Er nimmt das Gold in einem Moment, in welchem Sir Robert nicht im Zimmer ist, aus dem Tresor und
füllt damit den Kamineimer. Dann kommt noch Kaminasche darüber. Der Tresor wird wieder verschlossen.
Zu einem späteren Zeitpunkt kommt diese Person ins Zimmer, kümmert sich um Papierkorb und Kamineimer und verschwindet vor den Augen von Sir Robert mit der Beute."
Ludolf senkt wieder den Kopf und schließt die Augen, als wolle er mitteilen: "Wenn Du schon so weit bist mit Deinen Überlegungen, wirst Du den Rest auch ohne mich schaffen."
Lattmann hat verstanden.
"Wir müssen noch herausfinden, wie der Täter den Tresor hat öffnen können. Wen befragen wir zuerst?"
Ludolf lässt sich nicht stören.
"Ich bin für Mary, die Frau für Wäsche und Gardinen. Vielleicht kommen wir mit ihr weiter."
Ludolf stöhnt, was wohl "Einverstanden" bedeutet.
Lattmann ruft über die Klingel nach James. Als James das Zimmer betritt, bittet Lattmann ihn, Mary zu einem Gespräch in die Bibliothek zu bitten.
"Wie Sie wünschen," sagt James mit dem Ausdruck eines Menschen, der es nicht mag, wenn er etwas tun muss, dessen Sinn er nicht versteht.
Mary betritt nach einiger Zeit das Zimmer. Lattmann zeigt auf Bernholds Sessel und bittet sie, Platz zu nehmen. Mary setzt sich schüchtern hin.
"Darf ich Ihren richtigen Namen wissen, Mary?"
"Ich heiße Maria Kernmann. Hier im Haus werde ich Mary genannt."
"Ja, ich weiß, Frau Kernmann. Sie sind für die Hausreinigung, für Wäsche und Gardinen zuständig, ist das so?
"Ja."
"Sie sind mit Jack befreundet?"
"Er heißt eigentlich Hans Dreher. Ja, wir werden bald heiraten. Er ist der Gärtner und Hausmeister hier. Manchmal hilft er mir, wenn es ein wenig zuviel wird."
"Frau Kernmann, können Sie sich daran erinnern, als vor etwa zwei Jahren Sir Robert nach England fuhr und die Schreinerei hier im Hause arbeitete?"
"Daran kann ich mich gut erinnern, die haben hier vielleicht einen Dreck hinterlassen. Aber Hans, also Herr Dreher, hat mir ordentlich geholfen."
"Versteht sich. Der Reihe nach. Gab es etwas Auffälliges bei Sir Roberts Abreise?"
"Nichts. Ich habe seine Koffer gepackt. Drei Koffer. Hans hat sie zum Wagen gebracht. Georg, ich meine George, der Fahrer, hat sie eingeladen. Ach so, dann ist Sir Robert noch einmal gekommen und hat gesagt: 'Dieser Anzug muss auch noch mit.' Hans hat also einen Koffer wieder aufgemacht und den Anzug dazu gelegt.
Es ist ein Zettel herausgefallen. Hans hat ihn aufgehoben. Ich hab ihm noch gesagt 'Leg ihn wieder zurück, wer weiß, wofür Sir Robert das in London braucht.'"
"Hat Herr Dreher das getan?"
"Ganz bestimmt. Auf ihn ist Verlass. Ich bin sofort wieder ins Haus zurück. Was ist denn mit diesem Zettel? Ist er wichtig? Hans sagte auch: 'Ich schreib lieber auf, was auf dem Zettel stand. Womöglich geht er in London auch verloren.'"
"Danke, Frau Kernmann, wären Sie so nett, Hans herein zu bitten?"
"Mach ich."
Mary steht auf und lächelt beim Hinausgehen noch einmal verlegen.
Einige Zeit später betritt Hans Dreher das Zimmer. Lattmann deutet auf Sir Roberts Sessel.
"Herr Dreher," beginnt Lattmann, "Sie sind Hausmeister und in dieser Funktion auch für diesen Kamin zuständig, ist das so?"
Dreher setzt sich und nickt.
"Wohin bringen Sie die Kaminasche?"
Dreher stutzt und sagt so beiläufig wie möglich: "An der Grundstücksgrenze hinter dem Wald, bei den Kompostern, ist ein Container. Dort kommt die Kaminasche hinein. Gelegentlich verwende ich einen Teil davon, um sie mit dem Kompost zu vermischen. Das erhöht die...."
"Herr Dreher, was würden Sie sagen, wenn wir diesen Container mit der Kaminasche einmal gründlich untersuchen würden?"
"Ich verstehe nicht..."
"Frau Kernmann, Ihre Verlobte, erwähnte einen Zettel, der bei Sir Roberts Abreise aus seinem Anzug fiel. Sie sollen aus Vorsicht notiert haben, was auf dem Zettel stand, bevor sie ihn in den Anzug zurücksteckten."
Dreher blickt zu Boden und schweigt..
"Immerhin war es sehr clever von Ihnen, zwei Jahre mit der Plünderung des Tresors zu warten," sagt Lattmann nach einer langen Pause.
"Leider nicht einmal das. Ich habe vor drei Wochen dieses Papierstück wiedergefunden. Erst vor einigen Tagen hatte ich den Einfall, dass es der Code zum Tresor sein könnte. Ich habe ihn ausprobiert, als der Chef nicht im Zimmer war. Als ich das viele Gold sah, habe ich es spontan in den Kamineimer deponiert und Asche darüber gefüllt."
Ludolf grunzt zufrieden.